Category Archives: Generica

Gesundheit ja, aber…

Die Einschränkung der Bürgerrechte während der Coronavirus-Krise, wie auch alle geplanten Maßnahmen im Schulbereich,  werden mit dem Schutz der Gesundheit begründet.

So weit so gut. Doch ist gerade in diesem Zusammenhang die Frage berechtigt: Was ist Gesundheit?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte 1948 folgende Definition gegeben: “Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens, und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“. Diese Definition ist sicherlich zu einer Zeit gemacht worden, in der private Interessengruppen  kein so großes Gewicht innerhalb der WHO hatten. Ein Begriff vom gesunden Leben, der den Menschen als Ganzheit sieht.

In Zeiten der Pandemie hatten und haben aber meist solche Mediziner das Wort, die den Menschen nicht aus einer ganzheitlichen Perspektive sehen, sondern  – überspitzt formuliert – als mechanisches Zusammenwirken von physischen, chemischen und elektrischen Elementen. So wird auch das Virus nicht als Teil einer lebendigen Wechselbeziehung, in der viele Faktoren eine Rolle spielen.

Dieses Menschenbild ist auch der Grund dafür, dass viele der getroffenen Maßnahmen wesentliche Grundsäulen zur menschlichen Gesundheit völlig außer Acht gelassen haben.

Grundsäulen für Gesundheit sind viel Bewegung, gute und ausgewogene Ernährung, giftfreie Umweltbedingungen und vor allem die geistigen Dimensionen, wenn man sie so bezeichnen kann: Bewusstsein. Einstellungen, Gedanken, Gefühle…kurzum unser Mind-Set. Gedanken können heilen: Dies auch der Grund, warum ein Großteil der Medikamente eine Placebo-wirkung haben; sie wirken, weil man an sie glaubt.

Die systematische Bombardierung mit Schreckensszenarien in den letzten Monaten haben letztlich diese wesentliche Säule zu einem gesunden Leben einstürzen lassen. Ein Nocebo-Effekt; d.h. sie haben krank gemacht bzw. den Boden für Krankheiten vorbereitet.

Es ist zwar immer wieder davon gesprochen worden, wie wichtig ein gutes Immunsystem zur Stärkung der Abwehrkräfte ist; doch wie das Wort schon sagt, geht es dabei um ein System – ein Zusammenspiel vieler Faktoren, die aber letztlich im Kampf gegen die Pandemie allesamt zu kurz gekommen sind: Bewegung, Sonne, menschliche Kontakte als Quelle von Wohlbefinden und Gesundheit.

Tatsache ist, dass sich die Pandemie vor allem in solchen Gebieten ausgebreitet hat, in denen es starke Umweltbelastungen gibt; dass vor allem Personengruppen betroffen waren, deren Immunsystem durch verschiedenste Faktoren bereits stark beeinträchtig war. Nicht nur, aber sicherlich auch in Folge ungesunder Lebens- und Arbeitsbedingungen.

In einem Gespräch mit Wolfgang Mayr in der Sendung „12 nach 12“ (20.06.20  http://www.raibz.rai.it/feed.php?id=75) hatte ich von der Notwendigkeit gesprochen, das zu hinterfragen, was wir als  „vernünftig“ betrachten. Dies betrifft auch  das Thema Gesundheit: Wenn wir den Menschen als Maschine, als mechanisches Wesen betrachten, sind bestimmte Maßnahmen, wie sie zur Pandemiebekämpfung getroffen wurden, sicherlich „vernünftig“. Aber sehen wir den Menschen als  selbstbestimmtes, beseeltes  Wesen, das untrennbarer Teil seiner Mitwelt ist,  dann gelten andere Maßstäbe für Vernunft

FacebookTwitterGoogle+Share

Die Schule neu denken

Einladung zum Dialog

Auf meine letzte Aussendung „Zurück in die Katakombenschule?“ hat es viele zustimmende Reaktionen gegeben.  Ich bedanke mich für das Nachfragen und Mitdenken.

Noch ist nicht klar, wie das neue Schuljahr beginnen wird. So wie es derzeit aussieht, wird es nach wie vor keine kindergerechte Bildungstätigkeit geben. Entweder weiter über Computer und Smartphone oder in Klassenzimmern nach strengen, fast schon militärisch anmutenden Regeln: Maskenpflicht, rigide Trennung voreinander mit Plexiglaswänden, keine Spiel- und Berührungsmöglichkeiten …. Wie unter solchen Bedingungen Freude am Lernen entstehen kann, ist nicht nur mir ein Rätsel. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass es innerhalb des Lehrpersonals wie auch unter den Eltern große Spannungen und Konflikte geben wird. Jene, die um ihre Gesundheit fürchten, fordern noch strengere Regeln ein, andere drängen auf kindergerechte Rahmenbedingungen, weil sie die Risiken für die geistige und seelische Gesundheit der Kinder als weit gewichtiger einschätzen, als mögliche Virenerkrankungen.

Die Schule steht aber nicht nur wegen COVD 19  vor großen Herausforderungen: Vielen LehrerInnen ist schon seit langem bewusst, dass die Rahmenbedingungen der Schule meist nur die Vermittlung von „totem Wissen“ ermöglichen. Lerninhalte, denen oft jeder Bezug zu praktischen Erfahrungen fehlt, die daher nicht nur rasch in Vergessenheit geraten, sondern auch nachhaltig die Freude am Lernen vergällen.  Es ist kein Zufall, dass es immer mehr Schul-Aussteiger bzw. Schul-Geschädigte gibt. Jugendliche, die viele Jahre brauchen, um Schultraumata zu verarbeiten.

Auch dazu gibt es sicherlich unterschiedliche Erwartungshaltungen innerhalb der Elternschaft: Die einen wollen mehr Drill, Druck und Leistung, weil sie sich dadurch bessere Chancen in der Arbeitswelt erwarten. Andere wollen ihre Kinder in ihrem persönlichen Entwicklungsweg respektieren und ihnen bessere Rahmenbedingungen für selbstgestaltetes Lernen ermöglichen.

Bietet die Regelschule in ihrem Aufbau die nötige Flexibilität, um auf diese unterschiedliche Erwartungshaltung von Eltern und Kindern einzugehen?

Und noch eine weitere Herausforderung für die Schule: Kann die Schule, so wie sie derzeit strukturiert ist, jene Bildung zu einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Gesellschaft vermitteln, die notwendig ist?

Wie kann sie den jungen  Menschen Werkzeuge in die Hand geben, die ihnen im Chaos der globalisierten Welt Begreifen und selbstbestimmtes Verhalten ermöglichen? Jean Piaget, eine der bedeutendsten Pädagogen des letzten Jahrhunderts, ist im fernen Jahr 1932 in seiner Eröffnungsrede zum 6. Kongress des „Weltbundes zu Erneuerung der Erziehung“ auf einige Fragen eingegangen, die auch für die heutige Zeit brennend aktuell sind: Wie kann in den chaotischen Zeiten der Globalisierung die Welt erfahrbar und damit souverän „lebbar“ gemacht werden?  (*)

Mir ist es wichtig, mit den Freunden und Bekannten aus meinem Verteiler (darunter sind viele Eltern und LehrerInnen) darüber nachzudenken. Die Umbruchphase, in die die Covid 19-Krise die Schule gestürzt hat, kann als Chance gesehen werden, altes Regelwerk zu hinterfragen und neue Wege für einen pluralistischen Bildungsweg zu finden, der unterschiedlichen Erwartungshaltungen gerecht wird.

Auf den Gedankenaustausch freue ich mich!

Mit herzlichen Grüßen

Arno Teutsch

(*)

„Wir begreifen nicht, weder moralisch noch intellektuell“ (Piaget 1932)

 

Das Kollektive ereignet sich heute in einer neuen Größenordnung und auf einer ganz neuen Ebene. Alles, was wichtig ist in unseren Gesellschaft, ist international. Jedes beliebige Ereignis, das sich an irgendeinem Punkt des Planeten zuträgt, findet sofortigen Widerhall in der ganzen Welt. Diese gegenseitige Abhängigkeit hat nach und nach sämtliche Bereiche erfasst. Es gibt keine isolierte Volkswirtschaft mehr, keine Innenpolitik mehr, kein geistiges und moralische Echo, das auf ein einzige Gruppe beschränkt bliebe. Auf diese durchaus banale Sachlage weist inzwischen jeder mit Nachdruck hin. Verstehen jedoch tun wir von dieser Sachlage nichts.

Wir sind psychologisch nicht an unseren sozialen Zustand angepasst (…) Wir kommen nicht mehr mit. Höchstens an unser ganz lokales Leben, an das Leben unserer Stadt, an das Leben unseres Landes sind wir angepasst; den heutigen Zustand der Welt aber, dieses Universum vielschichtiger Beziehungen und komplizierten Aufeinandergewiesenseins, begreifen wir nicht.

Wir begreifen nicht, weder moralisch noch intellektuell. Wir haben das Werkzeug, das geistige Instrument noch nicht gefunden, mit dem wir Ordnung in die sozialen Phänomene bringen könnten, und wir haben noch nicht die moralische Einstellung gefunden, dank der wir diese Phänomene mit dem Willen und dem Herzen beherrschen könnten.

Wie Kinder stehen wir dieser internationalen Gesellschaft gegenüber, die tatsächlich existiert, wie Kinder stehen wir vor der wirtschaftlichen und moralischen Interdependenz, um deren Realität  wir wissen; wir erahnen eine relative Harmonie, einen weltumgreifenden Mechanismus, der funktioniert oder in Unordnung gerät, aber wir begreifen ihn nicht. Angesichts dieses Grundmangels sollte es primär Aufgabe des Erziehers sein, dem Kind Mittel zur Anpassung zu verschaffen, d.h. im Denken des Kindes ein Instrument herauszubilden, eine neue Methode, ein neues Werkzeug, die ihm Begreifen und richtiges Verhalten ermöglichen.“

Kinder haben keine Lobby!

Possiamo Educare?


Gentile Ministra, prima che riaprano i centri commerciali, e tutto il resto, potrebbe consentirci di portare gli alunni a camminare? Vorremmo dar loro un piccolo ma importante insegnamento: come disintossicarsi da PC e Smartphone e reinserirsi in un ambiente naturale.“

(Schreiben der Waldorf-Schule Florenz an die Unterrichtsministerin)

Benno Baumgartner, Präsident des Bozner Jugendgerichts hat kürzlich in einem Interview auf die dramatische Situation von Kindern und Jugendlichen in den letzten Monaten hingewiesen. „Kinder und Jugendliche haben keine Lobby“ – dies  der Kernsatz.

Keine Lobby, die sich in diesen Coronavirus-Zeiten um  deren psychische und physische Gesundheit kümmert.

Tatsache ist, dass sich die Medien zwar intensiv mit der Frage beschäftigen, wie stark Wirtschaftsleistung und Bruttosozialprodukt sinken werden. Auch – aber dies schon weniger intensiv – welche organisatorische und stressbedingte Auswirkungen es für die erwerbstätigen Eltern in den Haushalten gibt. Doch die Kinder stehen nicht im Mittelpunkt. Der Betreuungsnotdienst für die kommenden Wochen ist vor allem als Entlastung einiger weniger Familien gedacht; weniger auf die psychischen und physischen Belange von Kindern und Jugendlichen ausgerichtet.

Unterricht über PC und Smartphone mag zwar Informationen vermitteln, doch welche langfristige Schäden gerade für Kinder im Grundschulalter daraus erwachsen, wird nicht in Frage gestellt. Schule, wie sie in den letzten Monaten angeboten wurde, widerspricht letztlich allen pädagogischen Grundsätzen. Lernen ist wesentlich eingebaut in ein Beziehungsgeflecht zwischen Menschen und Mitwelt. So gut es auch sein mag, dass nun die Bibliotheken wieder öffnen, stellt sich doch die Frage, ob dabei nicht das Wesentliche unter die Räder kommt: Keine Begegnung zwischen Menschen, Bücher nur mit Handschuhen anfassen, so kurz wie nur möglich in den Bibliotheksräumen bleiben….welche Botschaften werden den Kindern dadurch vermittelt? Mit welchen langfristigen psychischen Folgen?

Ein „Zurück in die Katakombenschulen“? Mag sein, dass dies überzogen und daher allzu irritierend klingt. Doch bringt es den Kindern mehr an wirklichem Lernen, wenn sie die Möglichkeit haben, sich in mehr oder weniger kleinen Gruppen, im privaten Gelände, in Gärten, Hinterhöfen, Waldnischen… mit Lehrern und Lernbegleitern treffen zu können. Ein Lernen in Eigenverantwortung und in der Einsicht, dass Gesundheitsschutz in erster Linie eine Frage der Einstellung ist und nicht das Ergebnis von Strafe und Drohung.