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Radikaler Humanismus für die Tage nach Corona

Vor einigen Tagen erhielt ich die Einladung zu einer besonderen Tagung, verbunden mit der Bitte, diese an meinen Verteiler weiterzuleiten.  Dies mache ich deshalb gerne, weil ich mir von diesem Treffen einige Impulse erwarte, zur Frage des „Wie weiter?“ (Link zum Programm weiter unten)

Zwar geht es bei diesem Treffen vom 22. – 24. Oktober im Monastero di Montebello nicht explizit um die Frage, wie es nach den Corona-Zeiten weitergehen soll und kann, doch lassen sich die Themen „Radikaler Humanismus und ökologische Wende“  nicht losgelöst von dem betrachten, was uns der Coronismus beschert hat.

In der klösterlichen Geborgenheit von Montebello stehen die Gedanken zweier Menschen im Mittelpunkt, die auch mir persönlich sehr nahe gestanden sind; der eine als Lehrer, der andere als Freund. Ivan Illich und Alexander Langer.

 

Ein Blick zurück: Zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hat Ivan Illich  eine detaillierte Analyse des westlichen Medizin- und Gesundheitssystems im Buch „Nemesis der Medizin“ veröffentlicht. Eine Analyse, die damals geschockt und provoziert hat.  Illich hat im Detail aufgezeigt, wie eine ausufernde Gesundheits- und Medizintechnokratie, gebunden an ökonomischen Interessen der Pharmaindustrie, die Menschen zu abhängigen und süchtigen Medizin-Konsumenten formt.  Er selbst hat sich auch bei schweren Krankheiten geweigert, sich in die Abhängigkeit dieser Maschinerie zu begeben. Heute –  rund fünfzig Jahre nach Erscheinen des Buches – sind diese Betrachtungen aktueller denn je. Die Pharmaindustrie ist in der Zwischenzeit zu einem der profitabelsten Wirtschaftssektoren geworden und  bestimmt wesentlich gesellschaftspolitische Entscheidungen. Es ist daher nicht leicht  vorstellbar, dass freiwillig auf eine weitere Expansion von Macht und Profit verzichtet wird. Einen Einblick bietet der Link zu einem Bericht der ZDF-Tagesschau https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/impfstoff-geld-verdienen-101.html

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In Montebello wird auch Marianne Gronemeyer mit dabei sein. Sie hat sich eingehend mit den Arbeiten von Ivan Illich beschäftigt und gilt als Vordenkerin der wachstumskritischen Debatte. In einem für mich sehr lesenswerten Beitrag in der Wiener Wochenzeitung Die Furche  geht sie auf die unterschiedlichen Vorstellungen von Gesundheit und Sicherheit ein, die derzeit auch unsere Gesellschaft spalten:  eine conviviale und eine technogene. „Die conviviale Sicherheit entsteht aus dem Vertrauen auf das Gegebene, auf die in der jeweiligen Lebenswelt vorgefundenen Möglichkeiten….dazu gehören die Gaben der Natur ebenso wie die Begabungen der Menschen; ihre Fähigkeiten, sich zu verständigen, die Geschicklichkeit ihrer Hände, ihre Erfahrungen, Phantasien und Träume…“. Prägend für das Conviviale ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in die Kraft der Gemeinschaft, in das Eingebettet- Sein im Kreislauf der Natur.

Dem gegenüber steht die Vorstellung der technogenen Sicherheit. „Die Herstellung eines wissenschaftlich-technischen Milieus…in dem nicht mehr einzelne Personen und Gemeinschaften entscheiden, welches Maß an Sicherheit ihnen genügen soll…sondern die Sicherheitsstandards, die nach Maßgabe des technischen Fortschritts ständig neu justiert werden“. Diese Vorstellung der technischen Beherrschbarkeit von Leben und Tod  bewirkt eine zunehmende Kontrolle und Überwachung der Menschen in der Gesellschaft, letztlich eine Entmündigung.

Gerade der Coronismus hat deutlich gemacht, dass es kein gleichwertiges und gleichberechtigtes Nebeneinander dieser unterschiedlichen Ansätze gibt; die conviviale Sicht wurde  und wird zum Teil auch mit brutalen Mitteln bekämpft. Gronemeyer schreibt dazu: „Das technogene Milieu strahlt Kälte aus, aber es tut das auf politisch korrekte Weise. Politische Korrektheit ist brandgefährlich, aber untadelig. Sie ist die ethische Ideologie der technokratischen Gesellschaft. Sie behauptet sich, indem sie alles Fühlen, Tun und Denken, das sich ihrer Logik entzieht, kategorisch ins Unrecht setzt…“  (Link zum Artikel in der Furche: https://www.furche.at/gesellschaft/marianne-gronemeyer-was-haelt-uns-noch-lebendig-4460904)

 

Die Vorstellung einer technischen Beherrschbarkeit von Leben und Tod verhindert letztlich eine ökologische Konversion, wie sie von Ivan Illich und Alexander Langer angestrebt worden ist. Unter den kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen des Coronismus ist eine solche Wende nicht möglich, weil sie den Menschen als selbstverantwortlichen Akteur ausschließt. Ivan Illich hat den Begriff joyful austerity geprägt, eine Haltung des heiteren Verzichts und der freundvollen Selbstbegrenzung. Alexander Langer hat in seinen Schriften und in seiner politischen Tätigkeit ebenfalls ein bewusstes Verlangsamen und den Ausstieg aus der Wachstumsspirale gefordert.

 

Blicke nach vorne: Im Tagungsprogramm von Montebello wird nicht von Corona gesprochen; doch ist es kaum vorstellbar, dass es lediglich um eine museale/historische  Betrachtung der beiden Vordenker gehen kann.  Infos zum Programm und zu den Teilnahmebedingungen unter dem Link: Radicalismo umanistico e conversione ecologica / Radikaler Humanismus und ökologische Konversion / Radical humanism and ecological conversion: Ivan Illich and Alexander Langer.

Jedenfalls freue ich mich auf die Materialen, die nach Abschluss der Tagung allgemein zur Verfügung stehen werden.

 

Mit herzlichen Grüßen

 

Arno Teutsch

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