Die Schule neu denken

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Einladung zum Dialog

Auf meine letzte Aussendung „Zurück in die Katakombenschule?“ hat es viele zustimmende Reaktionen gegeben.  Ich bedanke mich für das Nachfragen und Mitdenken.

Noch ist nicht klar, wie das neue Schuljahr beginnen wird. So wie es derzeit aussieht, wird es nach wie vor keine kindergerechte Bildungstätigkeit geben. Entweder weiter über Computer und Smartphone oder in Klassenzimmern nach strengen, fast schon militärisch anmutenden Regeln: Maskenpflicht, rigide Trennung voreinander mit Plexiglaswänden, keine Spiel- und Berührungsmöglichkeiten …. Wie unter solchen Bedingungen Freude am Lernen entstehen kann, ist nicht nur mir ein Rätsel. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass es innerhalb des Lehrpersonals wie auch unter den Eltern große Spannungen und Konflikte geben wird. Jene, die um ihre Gesundheit fürchten, fordern noch strengere Regeln ein, andere drängen auf kindergerechte Rahmenbedingungen, weil sie die Risiken für die geistige und seelische Gesundheit der Kinder als weit gewichtiger einschätzen, als mögliche Virenerkrankungen.

Die Schule steht aber nicht nur wegen COVD 19  vor großen Herausforderungen: Vielen LehrerInnen ist schon seit langem bewusst, dass die Rahmenbedingungen der Schule meist nur die Vermittlung von „totem Wissen“ ermöglichen. Lerninhalte, denen oft jeder Bezug zu praktischen Erfahrungen fehlt, die daher nicht nur rasch in Vergessenheit geraten, sondern auch nachhaltig die Freude am Lernen vergällen.  Es ist kein Zufall, dass es immer mehr Schul-Aussteiger bzw. Schul-Geschädigte gibt. Jugendliche, die viele Jahre brauchen, um Schultraumata zu verarbeiten.

Auch dazu gibt es sicherlich unterschiedliche Erwartungshaltungen innerhalb der Elternschaft: Die einen wollen mehr Drill, Druck und Leistung, weil sie sich dadurch bessere Chancen in der Arbeitswelt erwarten. Andere wollen ihre Kinder in ihrem persönlichen Entwicklungsweg respektieren und ihnen bessere Rahmenbedingungen für selbstgestaltetes Lernen ermöglichen.

Bietet die Regelschule in ihrem Aufbau die nötige Flexibilität, um auf diese unterschiedliche Erwartungshaltung von Eltern und Kindern einzugehen?

Und noch eine weitere Herausforderung für die Schule: Kann die Schule, so wie sie derzeit strukturiert ist, jene Bildung zu einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Gesellschaft vermitteln, die notwendig ist?

Wie kann sie den jungen  Menschen Werkzeuge in die Hand geben, die ihnen im Chaos der globalisierten Welt Begreifen und selbstbestimmtes Verhalten ermöglichen? Jean Piaget, eine der bedeutendsten Pädagogen des letzten Jahrhunderts, ist im fernen Jahr 1932 in seiner Eröffnungsrede zum 6. Kongress des „Weltbundes zu Erneuerung der Erziehung“ auf einige Fragen eingegangen, die auch für die heutige Zeit brennend aktuell sind: Wie kann in den chaotischen Zeiten der Globalisierung die Welt erfahrbar und damit souverän „lebbar“ gemacht werden?  (*)

Mir ist es wichtig, mit den Freunden und Bekannten aus meinem Verteiler (darunter sind viele Eltern und LehrerInnen) darüber nachzudenken. Die Umbruchphase, in die die Covid 19-Krise die Schule gestürzt hat, kann als Chance gesehen werden, altes Regelwerk zu hinterfragen und neue Wege für einen pluralistischen Bildungsweg zu finden, der unterschiedlichen Erwartungshaltungen gerecht wird.

Auf den Gedankenaustausch freue ich mich!

Mit herzlichen Grüßen

Arno Teutsch

(*)

„Wir begreifen nicht, weder moralisch noch intellektuell“ (Piaget 1932)

 

Das Kollektive ereignet sich heute in einer neuen Größenordnung und auf einer ganz neuen Ebene. Alles, was wichtig ist in unseren Gesellschaft, ist international. Jedes beliebige Ereignis, das sich an irgendeinem Punkt des Planeten zuträgt, findet sofortigen Widerhall in der ganzen Welt. Diese gegenseitige Abhängigkeit hat nach und nach sämtliche Bereiche erfasst. Es gibt keine isolierte Volkswirtschaft mehr, keine Innenpolitik mehr, kein geistiges und moralische Echo, das auf ein einzige Gruppe beschränkt bliebe. Auf diese durchaus banale Sachlage weist inzwischen jeder mit Nachdruck hin. Verstehen jedoch tun wir von dieser Sachlage nichts.

Wir sind psychologisch nicht an unseren sozialen Zustand angepasst (…) Wir kommen nicht mehr mit. Höchstens an unser ganz lokales Leben, an das Leben unserer Stadt, an das Leben unseres Landes sind wir angepasst; den heutigen Zustand der Welt aber, dieses Universum vielschichtiger Beziehungen und komplizierten Aufeinandergewiesenseins, begreifen wir nicht.

Wir begreifen nicht, weder moralisch noch intellektuell. Wir haben das Werkzeug, das geistige Instrument noch nicht gefunden, mit dem wir Ordnung in die sozialen Phänomene bringen könnten, und wir haben noch nicht die moralische Einstellung gefunden, dank der wir diese Phänomene mit dem Willen und dem Herzen beherrschen könnten.

Wie Kinder stehen wir dieser internationalen Gesellschaft gegenüber, die tatsächlich existiert, wie Kinder stehen wir vor der wirtschaftlichen und moralischen Interdependenz, um deren Realität  wir wissen; wir erahnen eine relative Harmonie, einen weltumgreifenden Mechanismus, der funktioniert oder in Unordnung gerät, aber wir begreifen ihn nicht. Angesichts dieses Grundmangels sollte es primär Aufgabe des Erziehers sein, dem Kind Mittel zur Anpassung zu verschaffen, d.h. im Denken des Kindes ein Instrument herauszubilden, eine neue Methode, ein neues Werkzeug, die ihm Begreifen und richtiges Verhalten ermöglichen.“

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